zum Inhalt springen

Bildungsformen und Möglichkeitsdenken

Johns Hopkins-University, Baltimore, 06.-08. April 2018

„Bildung“ zählt zu den zentralen Feldern innerhalb der Figurationen des Möglichen, eignet dem Begriff und den mit ihm verbundenen unterschiedlichen Konzepten doch von jeher etwas Potentielles im Sinne einer konstitutiven Offenheit, einer unabwägbaren Prozessualität und eines offenen Ausgangs. Dies gilt sowohl für die ursprüngliche Verwendung des Begriffs „bildunge“ bei Meister Eckhart, der den prekären Prozess der menschlichen Gottesebenbildlichkeit indiziert, als auch für Bildungs- und Erziehungsprozesse in säkularen Kontexten ab dem 18. Jahrhundert sowie nicht zuletzt auch für die Verwendung des Begriffs bei der Beschreibung der Entwicklung lebendiger Organismen jenseits strikter Präformationslehren.

Das im Begriff angelegte Moment der formatio in seiner Doppelung von „geformt werden“ und „formen“ markiert eine Entfaltung in der Zeit ebenso wie eine spezifische Spannung von Aktivität und Passivität, durch die Bildungsprozesse stets eingespannt sind in das komplexe Verhältnis von potenz und actus, dynamis und Form, was sich im deutschen Sprachraum zusätzlich durch die Trennung von „Erziehung “ und „Bildung “ im Verlauf der Säkularisierung des Bildungsbegriffs zeigt, der das aktive Einwirken durch ein Außen von der Idee selbsttätiger Entfaltung eines Innern abzugrenzen sucht.

Niklas Luhmann spricht in diesem Sinne vom Erziehungssystem als einem System, das im Modus einer „doppelten Kontingenz“ operiert, d.h. „im Modus selbsterzeugter Unbestimmtheit und entsprechender Unsicherheit“. So offen das Ergebnis des jeweiligen Vollzugs, so unvermeidbar der Versuch desselben, sei es als mystisch-religiöse Erfahrung auf dem Weg zu Gott oder als Auftrag zur Subjektivierung im Sinne autonomer Individualität im Angesicht der Umstellung von Providenz auf Kontingenz. Potentialität ist dabei immer Chance und Gefahr zugleich, garantiert sie doch einerseits allererst die für Bildungsprozesse notwendige Offenheit und Dynamik, die jedoch andererseits nach Steuerung, Kontrolle und Lenkung ebenso verlangen wie nach Bestimmung von Norm und Abweichung, Gesetzmäßigkeit und Klassifizierungsregeln. Eine Ambivalenz, die sowohl die Theologie als auch die Pädagogik und die insbesondere im 18. Jahrhundert mit ihr verbundenen ästhetischen Erziehungsprogramme sowie die Ausbildung der Lebenswissenschaften begleitet.

Der Workshop diskutiert diese Verschränkung von Möglichkeitsdenken und Bildungskonzepten zum einen aus begriffsgeschichtlicher Perspektive sowie aus Sicht der mit dem Begriff verbundenen Diskursfelder der Religion, der Ästhetik, der Pädagogik, der Politik und den Lebenswissenschaften, mit dem Ziel interdiskursive Verschränkungen entlang des Bildungsdispositivs präziser fassen zu können.